6. Januar 2019

Vom Genie zum Totalverweigerer - Das Scheitern der Sidis-Methode

Eine Buchbesprechung zu:
Klaus Cäsar Zehrer, Das Genie
Diogenes, ISBN 978-3-257-06998-3

Vor gut einhundert Jahren, im Jahr 1910 wurde das vermutlich größte Genie aller Zeiten gefeiert: Im zarten Alter von 11 Jahren hatte William James Sidis vor dem Mathematischen Klub der Harvard University einen Vortrag über vierdimensionale Körper gehalten. Das hatte Folgen für den jungen Billy Sidis: fortan wurde er von den Medien - und das war damals nur die Presse - als Wunderkind mit einem geschätzten IQ von 250 bis 300 gefeiert und nachfolgend begleitet, um nicht zu sagen verfolgt. Daraus entwickelte sich für den Rest seines Lebens eine tiefe Abneigung des William Sidis gegen Journalisten, und wenn er damals nicht in den USA, sondern in Deutschland gelebt hätte und ihm die zeitgenössischen Schriften von Karl Kraus bekannt gewesen wären, hätte er wohl von Journaille statt Journalisten gesprochen. Desaströs war nicht nur das Verhältnis von Billy Sidis zur Presse; als gescheitert schildert der Autor das ganze, eher kurze Leben des William Sidis, der 1944 im Alter von 46 Jahren gestorben ist - und damit noch die Lebensspanne seines Vaters Boris Sidis, der mit 56 Jahren auch für damalige Verhältnisse nicht alt geworden ist, noch unterboten hat.

Cover "Das Genie"
Die Erzählung des grotesken Lebensweges von Billy Sidis setzt ein mit der Ankunft seines aus der Ukraine stammenden Vaters Boris Sidis in New York im Jahr 1886. Im 150 Seiten umfassenden ersten Teil des in drei Teile geliederten Romans wird zunächst der Weg des Boris Sidis aus dem Immigranten-Prekariat zum anerkannten Wissenschaftler facettenreich illustriert, und schon hier werden charakterliche Eigenschaften deutlich, die der 1898 geborene Sohn noch ausgeprägter leben wird. Die Prägung seines Sohnes Billy geht wesentlich zurück auf die vom Vater entwickelte und nach ihm benannte Sidis-Methode, deren Praktizierung am eigenen Sohn als Versuchskaninchen durch Boris Sidis im Zweiten Teil (ab Seite 151) anschaulich wird, bis hin zum Auftritt des bedauernswerten Wunderkindes in seiner Schulzeit. Sichtbar wird auch ein zwanzigstes Jahrhundert, das in einem Wissenschaftler eher einen Techniker als einen Philosophen sah.

William Sidis reagiert mit 16 Jahren mit dem Entschluss, ein perfektes Leben zu führen - und wird in der Konsequenz seiner Weltsicht nicht nur zum überspannten Einzelgänger, sondern - über die militärpolitische Bedeutung des Wortes hinaus - zum Totalverweigerer im weitesten Sinne. "Sein bizarrer Blick auf die Welt, seine spektakuläre Verkrampftheit, seine urkomische Humorlosigkeit, seine rührende Unbeholfenheit in alltagspraktischen Dingen, seine Ahnungslosigkeit von den gewöhnlichsten und seine Begeisterung für die abwegigsten Themen, all das konnte einen auf die Palme bringen, man konnte es aber auch, etwas Übung und guten Willen vorausgesetzt, bestaunen wie ein Koriositätenkabinett" (Seite 325 f.).

Wie ein Kuriositätenkabinett erscheint die ganze Geschichte von Vater und Sohn, die der Autor auf rd. 650 Seiten entfaltet. Trotz des Umfangs liest sich das Buch Dank der flüssigen und humorvollen Darstellung sehr flott, und die Faszination des Stoffs wird kaum getrübt durch den Eindruck, dass manche Beschreibung von Sidis senior und Sidis junior wie eine Zuschreibung autistischer Züge wirkt, was aber als Ausmalung einer historischen Figur durch einen Romancier durchgeht und angesichts des Genies von Vater und Sohn, die beide Dutzende von Sprachen mühelos erlernten und beherrschten, irgendwie beruhigend wirkt. Nebenbei erfährt man einiges über die Zustände im russischen Zarenreich, über wissenschaftliche Grabenkämpfe, frühe Formen der Wellness-Industrie und Gründe für das frühe Sterben des Straßenbahnwesens in den USA.

1. Januar 2019

Brexit: Wird Europa den Briten noch dankbar sein?

Eine Buchbesprechung zu:
Jochen Buchsteiner, Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie
Rowohlt, ISBN 978-3-498-00688-4

Kein geringerer als "Mister Europa", der ehemalige ARD-Korrespondent in Brüssel Rolf-Dieter Krause, sagte ein Jahr nach seinem Wechsel in den Ruhestand: "Der Zustand Europas hätte nicht so werden müssen, wie er ist.” Er sieht also ein Defizit der Verfassung (= Befindlichkeit, Konstitution, Stimmung, Zustand) der Europäischen Union (EU), und dies hat der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts und Bundespräsident Roman Herzog bereits drei Jahre zuvor auch getan, in seinem 2014 erschienen Buch "Europa neu erfinden - Vom Überstaat zur Bürgerdemokratie". Herzog schreibt dort, dass die EU in den Jahrzehnten ihres Bestehens mehrfach ihre Funktionen verändert habe, wodurch sich auch ihre Organisation und Willensbildung gewandelt habe. Heute, so Herzog, erwarteten die Unionsbürger von der EU vor allem zwei Leistungen: den Erhalt des mittlerweile erreichten Wohlstandes und ein kraftvolles Auftreten der EU in der sich neu organisierenden Welt.

In seinem hier vorliegenden Buch schildert Jochen Buchsteiner sehr klar und nachvollziehbar, warum die Briten mehrheitlich nicht mehr darauf vertrauen, dass die EU diesen gestellten Aufgaben gewachsen ist. Der Autor zieht aus seiner Untersuchung den Schluss, dass die Briten in der EU geblieben wären und die Schweizer und Norweger schon lange dabei wären, wenn die EU an Stelle einer "immer engeren Union" auf intergouvernementale Zusammenarbeit gesetzt hätte. Es könnte, so Buchsteiner, den Anführern der Union zu denken geben, dass sich diese reifen und selbstbewussten Demokratien vom Brüsseler Modell abgeschreckt fühlten (Seite 124).

Buchsteiner entfaltet seine Darlegung in drei Kapiteln:

  • Kapitel I (Der missverstandene Brexit, Seite 9 ff.) erläutert die den jeweiligen Beteiligten zugeschriebenen Motive ihrer Positionen und die Wahrnehmung der jeweils anderen Seite; 
  • Kapitel II (Wurzeln des Andersseins, Seite 53 ff.) schildert in einem historischen Blick auf Britannien, wie es um das Selbstverständnis der Briten bestellt ist, wie es sich von den Kontinentaleuropäern unterscheidet und warum die Briten als Erste ihre EU-Mitgliedschaft aufkündigen;
  • Kapitel III (Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie, Seite 97 ff.), dessen Überschrift dem Buchtitel entspricht, behandelt die politischen Chancen bzw. Risiken des Brexit für alle Seiten - und damit auch die für Kontinentaleuropa entscheidende Frage, ob der bisherige Integrationskurs ("immer engere Union") beibehalten werden kann.

Cover "Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie"
Obwohl die EU-kritische Position des Autors unverkennbar ist, zeichnet sein Buch die Gründe, die überhaupt erst zur Diskussion eines Austritts und sodann im Sommer 2016 zum Abstimmungssieg der Brexiteers über die Remainers geführt haben, sorgfältig und ausgewogen nach. Seine profunden Kenntnisse über den bisherigen Diskurs in Deutschland, Britannien, Europa und der Welt und die damit in Zusammenhang stehenden nationalen und globalen Entwicklungen tragen entscheidend zur Sichtung des Klärungsbedarfs bei. Dabei gelingt es Buchsteiner, seine sehr prägnanten Ausführungen nicht nur mit nachvollziehbaren Quellen zu flankieren, sondern auch mit anekdotischen Beispielen zu veranschaulichen.

Auf dieser Grundlage schälen sich gute Argumente für den notwendigen (= die Not wendenden) Diskurs über den weiteren Weg der EU und Korrekturen ihrer Arbeitsweise und Ziele heraus. Es wird deutlich, dass der Brexit exemplarisch den Klärungsbedarf der EU aufzeigt: Kann - über das ursprüngliche Ziel der Sicherung von Frieden und Wohlstand hinaus - an der Vision einer "besseren Welt" und der Überwindung von Grenzen und Nationen festgehalten werden, oder muss diese Vision heute als gescheitert bezeichnet werden?

Buchsteiner schließt seine Darlegung mit dem - in manchen Augen wohl ketzerisch anmutenden - Gedanken, dass die Kontinentaleuropäer den Briten am Ende noch dankbar sein könnten; der Brexit könne als heilsamer Schock verstanden werden für die Klärung der Frage, wie die Europäer ihren Platz finden in einer Welt, die immer weniger europäisch wird. Wenn, so der Autor, die EU den richtigen Weg einschlüge, mussten die Briten ja vielleicht gehen, um eines Tages richtig zu Europa dazuzugehören.

Auch wer die Wertungen des Autors letztlich nicht teilt, wird in seinem Werk eine sehr klare Darstellung der mit dem Brexit aufgeworfenen strategischen Fragen und ihrer Hintergründe finden. Zudem ist der mit knapp 140 Seiten überschaubare Lesestoff sehr flüssig lesbar - die Lektüre ist daher uneingeschränkt zu empfehlen.