26. Juni 2019

Unrecht in Chemnitz und das Zeug zum Helden

Eine Buchbesprechung zu:
Benno Kirsch, Walter Linse, 1903 - 1953 - 1996
Allitera Verlag, ISBN 978-3-96233-113-9

Zugegeben: Der Titel dieser Buchbesprechung könnte an → breit diskutierte Vorfälle im Spätsommer 2018 in der kreisfreien Stadt im Südwesten des Freistaates Sachsen erinnern. Darum geht es hier aber nicht, sondern um eine Biografie, die eine Vita der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Schauplätzen in Chemnitz und Berlin schildert, eine Vita, die mit nationalsozialistischem Unrecht verknüpft ist - und mit der Frage, wie wir Heutigen die damals Lebenden bewerten. Das tun wir reichlich, und es ist sinnvoll, den Blick für die Grundlagen des eigenen Urteils zu schärfen. Es lohnt sich also, hier weiter zu lesen - vor allem aber das wertvolle Buch von Benno Kirsch über Walter Linse.

Wir Heutigen haben das Glück, in Westdeutschland seit 1949 und im wiedervereinigten Deutschland seit 1990 in einer als Demokratie und Rechtsstaat verfassten Nation mit politischer Stabilität und weitgehendem Frieden im Inneren und Äußeren zu leben. Dieses Glück hatte Walter Linse nicht: Er hat - wie Viele seiner Zeit - nach 1903 fünf Herrschaftsformen und zwei Weltkriege erlebt und überlebt - bis zu seiner Ermordung 1953 in der damaligen Sowjetunion. Man sollte nicht der Versuchung erliegen, aus allgemeingültigen (?) Werten der zivilisierten Menschheit und unabhängig von der historischen und persönlichen Situation der Handelnden auf stets gleiche moralische Entscheidungen als quasi einzig richtige ("alternativlose") Wertentscheidung zu schließen - allzu leicht würde man aus der Perspektive unserer eigenen, vergleichsweise komfortablen Lebenswirklichkeit übersehen, dass es Zeitläufte und Lebensumstände geben kann, die wir auch auf den zweiten Blick kaum ermessen können.

Aktuelle repräsentative Studien* der → Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) zeigen, dass die rückblickende Betrachtung der Zeit des Nationalsozialismus zu verzerrten Urteilen führt: Die Befragten meinten durchschnittlich, dass die deutsche Bevölkerung damals zu je etwa einem Drittel zu den Opfern (35 %) und Tätern (34,0 %) zählte. Ein deutlich geringerer Teil der Deutschen (16 %) hat nach Meinung der Befragten potentiellen Opfern geholfen. Demgegenüber halten es gut zwei Drittel der Befragten (69 %) für unwahrscheinlich, dass sie selbst zu Tätern geworden wären, wenn sie in der NS-Zeit gelebt hätten. Dass sie selbst potentiellen Opfern geholfen hätten, halten knapp zwei Drittel der Befragten (65 %) für wahrscheinlich. Diese bemerkenswert positive Selbsteinschätzung, die sich in den Ergebnissen der Studien widerspiegelt, könnte durchaus auch aus einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte resultieren, aus der die Befragten "gelernt" haben und deswegen weniger anfällig für menschenverachtende Ideologien sind als frühere Generationen. Allerdings darf die Überschätzung der eigenen Courage und der eigenen Handlungsmöglichkeiten bzw. die Unterschätzung des Einflusses gesamtgesellschaftlicher Prozesse auf das eigene Handeln (sog. → Attributionsfehler) nicht übersehen werden - die geschilderte Selbsteinschätzung tendiert leider zur Selbstüberschätzung.

Cover
Letztlich steckt der Teufel auch hier im Detail: Was sind die konkreten Umstände, die die eigenen Handlungskompetenzen bzw. den Einfluss gesamtgesellschaftlicher Prozesse auf das eigene Handeln ausmachen? Wären die "mutigen" Antifaschisten unserer Zeit, deren Lippenbekenntnisse man in den sozialen Medien zahlreich besichtigen kann, Widerstandskämpfer gewesen in der Zeit ab 1933? Vorschnelle Antworten kann nur geben, wer sich die damaligen Umstände nicht vergegenwärtigt - soweit das heute auch mit Blick auf die Quellenlage noch möglich ist. Eine Annäherung hieran leistet Benno Kirsch mit dem vorliegenden Buch in zweifacher Weise beispielhaft: nämlich am Beispiel der gründlich recherchierten Vita des Walter Linse und beispielgebend mit seiner Darlegung der Bewertungskriterien des Handelns von Walter Linse.

Walter Linse wurde 1903 in Chemnitz geboren und ist dort zur Schule gegangen, hat in Leipzig Jura studiert, seine ersten beruflichen Schritte im sächsischen Justizdienst getan und ist 1938 als Referent in die Industrie- und Handelskammer (IHK) Chemnitz eingetreten, wo er bis 1942 mit der Arisierung von Wirtschaftsunternehmen befasst war. Er hat die Befreiung Sachsens von den Nazis durch die Rote Armee, den anschließenden Aufbau der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) und das Erstarken des von der SED errichteten Regimes erlebt. Die Zwänge der Kollektivierungen veranlassten ihn zur Übersiedlung nach West-Berlin, genauer gesagt in den damaligen amerikanischen Sektor der Stadt, die damals noch nicht von der Berliner Mauer (1961 bis 1989) abgeriegelt, aber bereits eine Hochburg von gegenseitiger Infiltration und Spionage im Kalten Krieg war. Dort fand er schließlich Anfang 1951 Anstellung beim Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen (UfJ) und setzte sich aktiv mit dem SEDistischen Unrechtsstaat der DDR auseinander. Das führte letztlich zu seiner Verschleppung und Ermordung durch die → Tschekisten. Erst im Mai 1996 wurde Linse durch den Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation als politisches Opfer rehabilitiert.

Der Öffentlichkeit bekannt war der promovierte Jurist Walter Linse jahrzehntelang als Opfer der stalinistischen Machenschaften des Ostblocks. Es ist das Verdienst von Benno Kirsch, als Erster der Frage nachgegangen zu sein, was eigentlich der Gegenstand des Berufslebens von Linse war, bevor er als fast Fünzigjähriger durch das MfS der DDR verschleppt wurde. Die Offenlegung der Rolle Linses bei der IHK Chemnitz und seiner dortigen Rolle bei der Arisierung unter dem NS-Regime erfolgte in der Erstauflage des vorliegenden Buches im Jahr 2007 - und hat dem Autor zu Unrecht die Anschuldigung einer Verharmlosung der Rolle Linses eingebracht. Benno Kirsch hat dies erfreulicherweise zum Anlass einer Vertiefung seiner Recherchen und zu einer Neuauflage seines Werkes genutzt, die zusätzliche Quellen zur Vita Linses erschlossen hat. Der mit über 600 Fußnoten belegte Befund seiner gründlichen Recherche ist im Ergebnis unverändert geblieben:

Walter Linse dachte vermutlich eher national und konservativ als sozialistisch, stand dem politischen Betrieb distanziert gegenüber und bewegte sich stets im Mainstream des Akzeptierten. Er war während des Nationalsozialismus weder Parteigenosse, Karrierist oder Richter noch Widerstandskämpfer oder Verfolgter. Linse war Mitläufer, politisch uneindeutig und vermeintlich neutral - womit er letztlich auf der Seite der NS-Diktatur stand, ohne aktivistischer Nazi zu sein. Dass er die Ablehnung des NS-Regimes nicht zum Ausdruck brachte, macht das Verstehen seiner Rolle aus heutiger Sicht, die von anderem Akzeptierten geprägt ist, so schwer. Linses Leben vom Holocaust her zu beschreiben, würde die Aufgabe verfehlen, die Vergangenheit zu verstehen. Linse fällt eher durch seine Normalität auf und hat einen eher geringen Beitrag bei der Arisierung geleistet. Interessanter als die weitere Befassung mit Linses Rolle in der Nazizeit wäre die überfällige Untersuchung der Arisierung in Chemnitz - man würde dann wohl feststellen, wer in Wahrheit die Fäden zog und wer von dem damaligen Unrecht profitierte.

Benno Kirsch arbeitet heraus, dass heute niemand überzeugt sein sollte, damals nicht selber "mitgemacht" zu haben, denn Linse ist dem Durchschnittsbürger von heute näher, als ihm lieb sein kann. Nebenbei erfährt man etwas über Unterschiede zwischen Burschenschaften und studentischen Korps, begegnet der Figur des von Ernst Fraenkel beschriebenen → Doppelstaats und der gebotenen Differenzierung zwischen Arisierung und Holocaust. Gelegentlich wird der Lesefluss gestört von zahlreichen und wiederkehrenden Abkürzungen, worüber das im Anhang befindliche Abkürzungsverzeichnis hinweghilft. Das Buch ist fast völlig frei von Schreibfehlern und lässt nur eine inhaltliche Unstimmigkeit aufscheinen, wenn dem Protagonisten für eine Tätigkeit bei der Imbal-Niederlassung in Berlin-Grunewald ein Monatsgehalt von 6000 DM zugeschrieben wird - es werden wohl 600 DM gewesen sein. Das gut 260 Seiten umfassende Buch ist ausgestattet mit 22 Abbildungen nebst Abbildungsverzeichnis, dem schon erwähnten Abkürzungsverzeichnis, einer Quellenübersicht und einem Literaturverzeichnis.

Zu den beiden Hauptschauplätzen Chemnitz und Berlin sind hier noch zwei Notizen angezeigt, die die Vergänglichkeit von akzeptierten Normalitäten zeigen und den historischen Kontext abrunden:

  • Am 10. Mai 1953 wurde Chemnitz umbenannt in Karl-Marx-Stadt. Zu diesem Zeitpunkt war Walter Linse zwar noch am Leben, aber bereits seiner Freiheit beraubt. Bei seiner Rehabilitierung am 8. Mai 1996 trug die Stadt wieder ihren ursprünglichen Namen - die Akzeptanz der Benennung nach Karl Marx hatte → im Frühjahr 1990 per Abstimmung ein deutliches Ende gefunden. Benno Kirsch hat den Namen "Karl-Marx-Stadt" zu Recht kein einziges Mal erwähnt.
  • Der Autor spricht in seinem Buch stets von "Westberlin" - eine Schreibweise, die ihm zu Zeiten des Kalten Krieges den Vorwurf der Nähe zur DDR eingebracht hätte, denn "Westberlin" war die in der DDR erwartete Schreibweise in Abgrenzung zu "Berlin, Hauptstadt der DDR", während man im freien Westen amtlicherseits stets von "Berlin (West)" und im nicht-amtlichen Bereich bestenfalls noch von "West-Berlin" gesprochen hat.

Mein Resümee: Benno Kirsch legt eine ehrliche und nachvollziehbare Bewertung der Person und Rolle von Walter Linse vor, weil der Autor der Versuchung widersteht, sein Urteil an aktuellen Instrumentalisierungsbedürfnissen auszurichten, und sich statt dessen an die recherchierbaren Fakten hält. Das Zeug zum Helden haben nur die Wenigsten; dazu muss den Menschen ein Impuls zum Handeln ohne Rücksicht auf das eigene Wohl innewohnen. Walter Linse war wohl das, was man einen normalen Menschen nennt: auf Anerkennung bedacht und strebsam, zudem bemüht, sich im eigenen Leben ein Plätzchen am wärmenden Ofen zu sichern. Im Nazismus ist ihm das durch Orientierung am damals Akzeptierten noch gelungen, im SEDismus nicht mehr. Er ist von Chemnitz nach West-Berlin geflohen, um dann von dort - unter Außerachtlassung des Selbstschutzes - gegen den Unrechtsstaat DDR zu arbeiten. Das hat ihn die Freiheit und das Leben gekostet.

Walter Linse bleibt ein ambivalentes Beispiel für die - letztlich immer ganz persönliche - Auseinandersetzung mit der Frage, was "normal" und "akzeptiert" ist und wie man es mit dem Rechtsstaat hält. Es ist das Verdienst von Benno Kirsch, dieses Beispiel eindrucksvoll und nachvollziehbar sichtbar gemacht zu haben. Und es liegt nahe, den → geschärften Blick für die Grundlagen des eigenen Urteils auch auf aktuelles Zeitgeschehen zu richten.

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*   Die beiden MEMO-Studien sind abrufbar auf der Webseite der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft über folgende Links:
MEMO-Studie 2018
MEMO-Studie II 2019



30. April 2019

Was vom Reisen übrig bleibt

Ein Klassiker der Reiseliteratur zwischen den Weltkriegen


Eine Buchbesprechung zu:
Evelyn Waugh, Expeditionen eines englischen Gentleman
Diogenes, ISBN 978-3-257-07026-2

Die Lust an der Provokation war ein Wesenszug von Evelyn Waugh. Er stand kurz vor seinem 27. Geburtstag, als er im Oktober 1930 zu einer Reise durch Afrika aufbrach, die bis März 1931 dauerte. Seine Beobachtungen und Erlebnisse schildert er in "Remote People", erschienen Ende 1931, und sind erst seit wenigen Jahren auf deutsch verfügbar. Sie sind auch heute, neunzig Jahre später, sehr lesenswert, weil sie unmittelbaren Einblick geben in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, in einen Teil des Britischen Weltreichs, und weil der Autor mit seiner glasklaren, schnörkellosen Schilderung eine haftenbleibende Prosa hinterlassen hat.

Dass die geschilderten Beobachtungen von Land und Leuten nicht in unvordenklichen Zeiten erfolgten, zeigt etwa die aus einem Gespräch in Aden berichtete Erwähnung der "niedlichen Prinzessin" in England, die heute noch lebt: wir kennen sie als amtierende Königin Elisabeth II.
Der Reiseroman hat zwei Teile: Im ersten Teil berichtet Evelyn Waugh von seiner Reise nach Abessinien zur Krönung des Kaisers Haile Selassie im noch jungen Addis Abeba - und damit aus einem Land, dass nie Kolonie war; im zweiten Teil schildert der Autor seine anschließende Reise über Aden, Sansibar, Kenia, Uganda, Tansania und Kongo nach Kapstadt - und somit durch jenen Teil des afrikanischen Kontinents, der - mit Ausnahme des Kongo - zum Britischen Weltreich gehörte. Erst 1922 hatte das Empire seine größte Ausdehnung erreicht, als die Kolonialpolitik längst im Umbruch war.

Cover "Expeditioneneines englischen Gentleman"
1930/31 war das britische Empire noch mehr als bloß existent, erfuhr aber bereits eine Änderung seines imperialistischen Charakters. Evelyn Waugh zeichnet in seinem Reiseroman Figuren vor Ort, die das Bild vom britischen Imperialismus geprägt haben. Er zeichnet auch ein bekannt anmutendes Bild von einem Teil der Welt, in dem sich Juden, Christen, arabische und asiatische Moslems und nicht zuletzt Animisten gar nicht aus dem Weg gehen können.
Der Wandel der Sichtweisen der verschiedenen Beteiligten auf den Kolonialismus wird ein Stück weit erkennbar, obwohl der Eindruck überwiegt, dass der Autor politische Wertungen zu vermeiden sucht. Er sieht Politik zutreffend nicht als exakte Wissenschaft und zieht es vor, unmittelbare Eindrücke zu schildern. Hierzu bedient sich der  Menschen-Beobachter Waugh glasklarer Sätze und der Zuspitzung beobachteter Widersprüche, teilweise mit beißendem Spott und ätzendem Humor. Das führt dann zu ungeschliffenen literarischen Rohdiamanten wie diesem: "Die kenianischen Siedler sind keine Spinner jener Art, die Neu-England kolonosiert haben, auch keine Verbrecher und Ganoven der Art, die nach Australien ausgewandert sind."

Drei Albträume beschreibt der Autor in seinem Buch, die das Reisen mit sich zu bringen scheint: Zum Ende des ersten Teils seiner Afrikareise, in Äthiopien, muss er geraume Zeit mit Warten verbringen - sein hartnäckiger Gegner ist die kurzweilig beschriebene Langeweile. Der zweite Albtraum besteht im Warten unter wechselnden, widrigen Bedingungen in Tansania und die Ungewissheit seiner Reisepläne im Kongo, deren drastische Schilderung den Leser darin bestärkt, die Grenze zwischen Tourismus und Reisen gut zu überdenken. Der dritte Albtraum schließlich plagt den Heimkehrer: nach der Rückkehr nach London besucht der Autor ein dort neuerdings angesagtes Lokal, das er als heiß und laut erlebt und in dem er wenig Gastfreundschaft erfährt - man sehe nur, so sein bissiges Resumee, wie London den schwarzen Kontinent in die Tasche steckt.

In einer unscheinbaren Fußnote teilt der Autor die Kosten seiner Reise mit, die in sechs Monaten knapp 500 Pfund verschlungen hat, "einschließlich verschiedener Einkäufe von Tropenkleidung, lokalen Kunstwerken usw. sowie aller Verluste bei Karten- und Glücksspiel". 500 Pfund Sterling entsprachen damals - kurz vor der Abschaffung des Goldstandards in Großbritannien im Oktober 1931 - stolzen 10.000 Reichsmark, was heute ungefähr 40.000 Euro entspricht. Eine Luxusreise war es dennoch nicht, und der Reisebericht zeigt anschaulich, was den Reisenden vom Touristen unterscheidet.

Das Buch ist  mit einem Anhang ausgestattet, bestehend aus einem Nachwort von Rainer Wieland ("Glücklichere Menschen beobachten Vögel"), das Aufschluss über den Lebensweg und das literarische Schaffen von Evelyn Waugh gibt, sowie einer Zeittafel.