30. September 2022

Zeitenwende? Fünf Jahrhunderte Russophobie

Olaf Scholz, der mutlos wirkende Kanzler der von außen wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland, hat anlässlich des Ukraine-Krieges von einer Zeitenwende gesprochen. Deshalb hier eine Collage zu Zeitenwenden.

A great piece of advice: "Look at it from all perspectives!"

Anlässlich der Tournee von Pink Floyd in den USA 2022/2023 hat → Michael Smerconish von CNN am 4. August 2022 Roger Waters interviewt. Dort [im Video ab 18:40] erzählt Roger Waters, wie er an der Schwelle von der Kindheit zur Jugend von seiner Mutter einen Rat erhielt:

"My mother when I was 13 years old said: You gonna have to struggle with stuff all through your life, difficult questions will come up. When they do here is my advice: I want you to read everything you can, if you can look at it from all perspectives. When you have done that, you will have done all the heavy lifting, the next step is easy: Do the right thing!"

The Dark Side of the Moon

Cover "The Dark Side of the Moon"

Meine Kindheit endete im März 1973 mit dem Umzug meiner Familie aus der Betonwüste der Berliner Cropiusstadt in die Gartenstadt Frohnau. Bald darauf erschien das legendäre Album → The Dark Side of the Moon von Pink Floyd. Nach den Sommerferien wechselte ich von der Grundschule an das → Georg-Herwegh-Gymnasium in Hermsdorf, und in der Zeit bis zum Abitur legte ich den Grundstock meiner damaligen Plattensammlung. Die Decke meines Jugendzimmers zierte ein von mir großflächig in mühsamer Handarbeit über Kopf aufgebrachtes Zitat des Covers von The Dark Side of the Moon: Ein Lichtstrahl bricht sich in einem Prisma und fächert sich in seine Spektralfarben auf. Meine Kindheit war vorbei, meine Jugend nahm ihren eigenwilligen Lauf. Alben von Pink Floyd und Roger Waters sind noch heute Bestandteil meiner mittlerweile digitalen audiophilen Musiksammlung.

Leseplan und Lagebild

Einige Zeitenwenden später, am Morgen des 24. Februar 2022, saß ich wie gewohnt beim kleinen Frühstück und sichtete am Smartphone die Meldungen aus Politik und Wirtschaft. Scheinbar überraschend war aus dem Ukraine-Konflikt ein Krieg geworden. Mein Bedürfnis nach Einschätzung der Vorgänge vor und hinter den Kulissen wurde noch größer als sonst. Zwei Tage später war nicht mehr zu übersehen, dass die Durchsicht der deutschen Medien zur Befriedigung meines Bedürfnisses kaum taugte, und ich warf meinen ohnehin nicht unverrückbaren Leseplan um.

Unerlässlich war die Anpassung der Quellen für tagesaktuelle Meldungen, die Quellen aller Seiten einschließen, damit ein Lagebild entsteht und kein Zerrbild. Die Rolle der englischen Sprache als → Lingua franca unserer Zeit ist dabei unübersehbar; zugleich begegnet einem auf zahllosen Fotos, Videos und Landkarten die → kyrillische Schrift, die ich mittlerweile leidlich lesen kann. Die Weiten des Internet sind beim Erschließen aufklärender Quellen sehr nützlich, aber keineswegs unendlich, wie manche – nur für Ungeübte hinderliche – Zensurversuche zeigen. Neben brauchbaren tagesaktuellen Meldungen finden sich auch langlebige Formate, etwa Oliver Stone's Film → Ukraine on Fire.

Im Westen nichts Neues: Russophobie seit der Neuzeit

Cover "Fremde Freunde"
Hinzu kommen Bücher, die nicht nur der Form nach die lästigen Eintags-Statements überdauern. Aus dem Bestand konnte ich unmittelbar zugreifen auf → Fremde Freunde von Katja Gloger, in dem sich zwar im letzten Kapitel eine peinlich anmutende Anbiederung an westliche PR-Standards findet, aber – im vorderen Teil – eine aufschlussreiche Darstellung von Reiseberichten, die den westlichen Hochmut im wahrsten Sinne des Wortes sehr alt aussehen lassen: Katja Gloger berichtet im im dritten Kapitel ("Im Land der 'wilden Moskowiter'". Im 16. und 17. Jahrhundert erkunden Reisende aus dem Westen das unbekannte Land. Es kommt ihnen so "Barbarisch" vor.) von zwei Reisen aus Mitteleuropa nach Russland, deren nachfolgende Reiseberichte als Grundstein der Russophobie gelten können.

Ein Emissär aus Österreich

Zweimal, 1516 und 1526, wurde der kaiserliche Ministeriale und Spitzendiplomat → Sigismund Freiherr von Herberstein von den Habsburger Monarchen nach Moskau entsandt, wo er sich jeweils ein gutes halbes Jahr aufhielt. Sein Auftrag war, möglichst viele Informationen über das Land der Russen zu sammeln und womöglich in Russland einen Bündnispartner gegen das Osmanische Reich zu finden. Durch die beiden Reisen wurde Herberstein zum Russlandexperten seiner Zeit, und Katja Gloger schildert, wie sein 1549 erschienener Reisebericht, eine Mischung aus Abenteuerbericht und Sachkunde und die erste Darstellung über Russland im westlichen Europa, zum Bestseller wurde und den Ruf der Russen als unterwürfig begründet – Grundlage der Russlandfeindlichkeit des europäischen Liberalismus und der europäischen Arbeiterbewegung. Herberstein erging sich auch in der Frage, ob die "Reüßen" zu Europa gehören, und beantwortete sie laut Gloger mit "Jein"; Russland war also schon in der ersten relevanten Darstellung dieses Teils des eurasischen Großkontinents als fremd bewertet.

Ein Handelsreisender aus Schleswig-Holstein

Gut einhundert Jahre später folgte 1633 der aus Sachsen-Anhalt stammende Mathematiker und Gelehrte → Adam Olearius, der beim Herzog von Schleswig-Holstein-Gottdorf als Sekretär einer Gesandtschaft angeheuert hatte, die Russland als Transitland für Waren aus Persien nach Schleswig-Holstein erkunden sollte. Auch diese Reise hatte durch ihren Bericht weitreichende Folgen: Olearius’ 1647 erschienene Moscowitische und Persianische Reisebeschreibung war die bis dahin umfassendste Darstellung Russlands und bald vergriffen; es folgten 18 Ausgaben in fünf Sprachen.

Über Dutzende von Seiten beschrieb Olearius den verwerflichen Charakter der Russen, die arglistig und unverschämt seien. Gloger resümiert (Seite 71):

"Auf Gerüchte gestützt, entwarf Olearius nachgerade eine 'Pathologie des russischen Sexuallebens' – voller 'Laster, Geilheit und Unzucht'. … der Bestseller verstärkte wie ein Lautsprecher das negative Russlandbild in deutschen Landen. Die Russen waren – und blieben von ihrer Natur her – 'unter die Barbaren zu rechnen'."

Ein Franzose in Amerika

Cover "Alexis des Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika"
Etwa 200 Jahre später hat → Alexis de Tocqueville, ein französischer Publizist, Politiker und Historiker, die noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika bereist. Nicht zum Vergnügen – das war Reisen damals ohnehin nicht – sondern zwecks Erkundung der Demokratie in diesen ehemaligen britischen Kolonien. Hervorgegangen ist daraus der 1835 erschienene Erste Band des Werkes → Über die Demokratie in Amerika. In der Schlussbetrachtung dieses Ersten Bandes zeichnet de Tocqueville, der als Begründer der Vergleichenden Politikwissenschaft gilt, folgendes Bild:

"Es gibt heute auf der Erde zwei große Völker, die – von verschiedenen Punkten ausgehend – zum selben Ziel vorzurücken scheinen: die Russen und die Angloamerikaner. 
Beide sind im verborgenen groß geworden; und während die Aufmerksamkeit der Menschen anderswo gefesselt war, sind sie plötzlich in die vorderste Reihe der Nationen getreten, und die Welt hat fast zur gleichen Stunde wie ihre Geburt ihre Größe vernommen. ...
Der Amerikaner kämpft gegen die Hindernisse, die die Natur ihm bietet; der Russe liegt im Kampf mit den Menschen. Jener ring mit Wüste und Barbarei, dieser mit der vollbewaffneten Zivilisation: Daher erobert der Amerikaner mit dem Pflug, der Russe mit dem Schwert des Soldaten.
Sein Ziel zu erreichen, baut der Amerikaner auf das private Interesse und lässt die Kraft und die Vernunft des Einzelnen wirken, ohne sie zu dirigieren.
Der Russe drängt gewissermaßen die ganze Macht der Gesellschaft in einen Menschen zusammen.
Freiheit ist dem einen der Antrieb, Knechtschaft dem anderen. Ihr Ausgangspunkt ist verschieden, verschieden ist ihr Weg; und doch, nach einem geheimen Plan der Vorsehung scheint jeder von ihnen berufen, dereinst die Geschicke der halben Erde zu lenken."

Die Voreingenommenheit der Reiseberichte von Sigismund Freiherr von Herberstein und Adam Olearius aus dem 16. und 17. Jahrhundert hat sich fortsetzt; Russophobie ist → im 19. Jahrhundert längst etabliert. Das ist im 20. und noch jungen 21. Jahrhundert nicht anders.

Ein Kanzler guckt nach Afrika

Von Helmut Schmidt, der weitaus mehr Format hatte als es Olaf Scholz je haben wird, stammt die Formulierung, die Sowjetunion sei eine Art "Obervolta mit Atomraketen". Dieser → hochmütige Blick des Westens auf seinen großen Nachbarn im Osten bestätigt: Im Westen nichts Neues. Den Russen traut man stets alles zu – Gräueltaten aller Art, Rechtlosigkeit und Würdelosigkeit. Eine bessere Ausgangslage für die eigene Propaganda kann man sich in den bellizistischen Kreisen des Westens kaum wünschen.

Verständigung

Es geht auch anders.

Das zeigt sich schon in Katja Glogers Darstellung der Reise des Adam Olearius, die sie abschließend so kontrastiert:

"Allein der mitreisende junge Dichter, den zartfühlenden Idealen des Barock verpflichtet, wagte sein eigenes Urteil über alle kulturellen Missverständnisse hinweg. Dem Morden und Elend des Dreißigjährigen Krieges entronnen, machte sich → Paul Flemming 'vergnüget' auf die Reise durch Russland. Für den Dichter verlor das Unbekannte in der Begegnung mit dem Anderen seine Fremdheit. Paul Fleming traute seinen Augen: 
'Denkt, daß in der Barbarei
Alles nicht barbarisch sei.'"

Den Mut, sich jenseits des Vorurteils ein eigenes Urteil zu bilden, findet man auch bei Roger Waters. Entstanden bei dem schon erwähnten → Interview von Michael Smerconish mit Roger Waters am 4. August 2022 ist ein Streitgespräch, das in Erinnerung bleibt. Roger Waters, der für seine antiimperialistische Haltung bekannt ist, zitiert einige Zeilen aus dem Stück → Echoes aus dem Album Meddle von 1971:

Strangers passing in the street
By chance two separate glances meet
And I am you and what I see is me.

und beschreibt damit [im Video ab 6:00] sein Verständnis von Humanität:

"Two strangers passing in the street, by chance of glances meet and I am you and what I see is me - that is my message. I recognize your humanity, but I recognize all the Russians and the Chinese and the Ukranians and the Yemenis and the Palestinians and the Germans and the French and the Spanish and the Ecuadorians and the Peruvians and the Colombians ..."

und betont [im Video ab 21:00], dass Menschenrechte für Alle gelten und Rosinenpicken ausscheidet:

"I allways come back to this tiny platform which ist Paris 1948 and the universal declaration of human rights. Either you've subscribed to the thirty articles of that declaration or you don't you can't cherrypick. You can't have it your own way, you have to say either this is about of all of us, all your brothers and sisters, in respect of their ethnity, religion or nationality, or it isn't. You can't cherrypick, you can't say we deserve human rights but they don't - that is called being supremacy."

Michael Smerconish im Gespräch mit Roger Waters

Unvoreingenommenheit ist die Grundlage von Respekt.
Gegenseitiger Respekt ist das Gegenteil von Eskalation.
Diplomatie ist das Gegenteil von Krieg.

Dem Kanzler Mut machen

Zeitenwende? 

Notabwende! 28 Intellektuelle und Künstler haben im April 2022 einen → Offenen Brief an Kanzler Scholz geschrieben. Sie befürworten seine Besonnenheit und warnen vor einem Dritten Weltkrieg. Noch immer kann man den → Brief auf change.org mitunterzeichnen. Als ich im April unterschrieben habe, waren es etwa 16.000 Unterstützer – mittlerweile sind es bald 400.000. Es müssen noch viel mehr werden, wenn wir mit einem blauen Auge davonkommen wollen.

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EVERY WAR
ENDS WITH PEACE TALKS
SO START THESE NEGOTIATIONS NOW

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7. November 2021

Hotel California – Roadmovie durch Raum und Zeit

Eine Buchbetrachtung zu:
Kurt M. Lehner, Die Frau im hohen Schloss
Roman
Paperback: Books on Demand ISBN-13: 9783756203239
ePUB: Books on Demand ISBN-13: 9783756267903 


Bilder von Sonnenaufgängen kennt man viele. Aber von aufgehenden Spiralnebeln?
So überraschend wie das Cover ist die Story: Eine packende Mixtur aus Krimi, Abenteuer, Fantasy, Science Fiction. Erzählt als Reise durch Jahrhunderte und Galaxien, ausgelöst durch einen Mord, und aufgelöst mit einem Showdown. Dazwischen eine dramatische Aufklärungs- und Verfolgungsjagd mit vielen Blicken auf alte und neue, steinerne, metaphysische und musikalische Kulturgüter. Ein Pageturner für Neugierige, die nicht genug kriegen können ...


Cover "Die Frau im hohen Schloss"
Meer.
Himmel.
Universum.
Welten, in denen nicht die Sonne, sondern ein Spiralnebel am Horizont aufgeht.
Der Blick geht in die Ferne, in den Raum, in die Zeit. Reisebilder ziehen auf, verdichten sich, erzählen eine fantastische Reise. Über Straßen, durch → Tore und Galaxien, in Städte, ein Schloss.

"Na, wenn du das Tagebuch deiner Reise veröffentlichen solltest, gehörst du auf Erden auch zu den verschrobenen Außenseitern."

Also kein Tagebuch, sondern ein Kriminal-, Abenteuer-, Fantasy-, Science Fiction-Roman. Schließlich geht's auch genreübergreifend, verbunden mit der Klammer unserer Kulturgeschichte. Heraus kommt ein Roman, mit dem Kurt M. Lehner seine Qualität als Erzähler auslebt. Die Frau im hohen Schloss entfaltet sich mit kraftvollen Szenen und Dialogen und prägnanten Charakterzeichnungen, wachen Blicken in Landschaften und Firmamente und auf Stadtbilder. Auf den langen Autofahrten wird viel Musik gehört, Klassik, vor allem aber Deutsch-Pop und Deutsch-Rock, und in einem der unvermeidlichen Hotelzimmer geht es um eine deutsche Version des legendären Hits → Hotel California.

Die Reise beginnt mit einer Leiche: Rache, Beziehungstat, ein politisches Motiv oder gar ein Ritualmord – was steckt hinter dem Mord an Kemal? Jan, Produzent des Erotik-Kanals Freya-TV, lässt sich auf eine romantische Fahrt nach Südtirol mit Krimhild ein, Stripperin eben bei Freya-TV und eine der Verdächtigen. Beide werden Zeugen eines merkwürdigen Motorradunfalls und begegnen den mysteriösen Kronenwächtern, die Jan mit seiner fast verdrängten Familie konfrontieren: Er ist Nachfahre der mittelalterlichen → Staufer-Dynastie, die Historiker für ausgestorben halten, und wird verwickelt in eine Fehde zweier Dynastien, ausgetragen seit Jahrhunderten und über Planeten und Sternensysteme hinweg. Je weiter die Reise geht, desto mehr kommt alles näher: die Erinnerung an alte Geschichten und Mythen, Fragen des Glaubens und kirchlicher Utopien, der psychotische Umgang mit historischem Erbe, die Frage, ob und wann man konservativ oder rechts ist, vor allem aber die Verfolger von Jan und Krimhild. Es entwickelt sich eine dramatische Jagd bis hin zum Showdown.

Kurt M. Lehner präsentiert mit der Frau im hohen Schloss einen Pageturner mit dem Zeug zu literarischer Popkultur – und Hochkultur, denn es ist nicht nur ein packender Krimi mit der mystischen Auffindesituation einer Leiche, einer dubiosen Ministerialbeamtin und anderen halbseidenen Zeugen, ehrgeizigen jungen oder abgeklärten älteren Kriminalbeamten sowie einer verdächtigen TV-Stripperin und ihrem Chef. Es ist auch ein unzeitgemäßer Kulturführer mit erfreulich klarer Sprache, dem der "woke" Zeitgeist zu geistlos ist. Es gibt eben mehr Grenzen in Köpfen als zwischen Nationen. Wer das weiß, wird von der Frau im hohen Schloss bestens unterhalten.

Vielleicht geht es im nächsten Roman von Kurt M. Lehner um einen radfahrenden Radiomacher, der auf seinem Sender vor allem Deutsch-Rock spielt, dann auch Songs von Marius Müller-Westernhagen …