11. April 2020

Delatron: Eine erotische Kurzgeschichte

Es ist mit Kurzgeschichten wie mit Kurzfilmen: Über Jahrzehnte habe ich dazu kaum Zugang gefunden, wenig konnte ich, stets versorgt mit dickleibigen Romanen und wenigstens anderthalb Stunden, manchmal überlangen Spielfilmen, damit anfangen. Selbst Jack Londons Südseegeschichten, gelesen von über vierzig Jahren, haben mich damals nicht beeindruckt und unzufrieden gelassen.

Heute weiß ich die Kürze, in der die Würze liegt, auch bei Erzählungen zu schätzen: Kurzgeschichten regen mit wenig Lesestoff die Phantasie an und lassen viel Raum für eigene Betrachtungen, denn mit dem Ende der kurzen Erzählung endet auch der vorgegebene Pfad, dem man sonst als Leser weiter folgen würde.

Cover "die horen 276"
Ein cineastisches Kleinod der Gattung Kurzgeschichte findet sich mit Thomas Stölzels Delatron: Ein Traumbild, erschienenen Ende 2019 in → Heft 276 der Zeitschrift die horen. Zu lesen ist dort die kurze, aber pralle Schilderung eines Traumes, im dem es zunächst um einen nach Franken emigrierten Hugenotten geht, der beruflich und als Mann Rundungen mag, beides verknüpft mit der für ihn zentralen Rolle von Frauen in seinem Leben. Seine Zuneigung zu und sein Verständnis für Frauen sucht künstlerischen Ausdruck als Buch, dessen Nicht-Entstehung in Rückblenden zu zahlreichen Episoden führt, in denen dem Träumenden allerlei bekannte kulturschaffende Männer und Frauen aus unterschiedlichsten Epochen und Regionen begegnen, in denen das wohlwollende Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern zum Motiv oder zum Gegenstand eines Werkes wird. Das erotische Knistern als Triebfeder künstlerischen Ausdrucks und Schaffensdrangs verbindet die Episoden, wie schimmernde Perlen aneinander gereiht an einer Kette kaskadenartig in einander stürzender Szenen, deren wild anmutender Zusammenschnitt einen Kurzfilm entstehen lässt, wie man ihn für einen kurzen Moment erinnert, wenn man jäh aus dem Schlaf erwacht und gerade noch die Schlussszene eines Traumes erinnert. Doch schnell verblasst und entschwindet mit dem Erwachen das Traumbild, dem Zugriff für Notizen fast entzogen, und lässt den Erwachten zurück mit den verschwimmenden Grenzen von Realität und Fiktion.

Eine Traumdeutung ist müßig. Denn auf die Frage, ob Männer und Frauen einfach nur Freunde sein können oder nicht doch immer die erotische Komponente die - wodurch auch immer veranlasste - Beziehung prägt, wurde schon mit dem abendfüllenden Filmklassiker Harry and Sally keine abschließende Antwort gefunden. Man kann, Mann und Frau können ihr nicht entrinnen. Weder wach noch im Traum, weder als Leser noch als Autor.

− ⦁ −

22. März 2020

Das kleine Sterben

Eine Buchbesprechung zu:
Robert Seethaler, Das Feld
Hanser, ISBN 978-3-446-26038-2

"Idiot" ist ein Wort, dessen unbedachte oder bedachte Verwendung einem Ärger einbringen kann. Für den Plural "Idioten" gilt selbstredend das Gleiche. Wer es nicht glaubt, schleudere es seiner Chefin oder seinen Kollegen entgegen und erfahre dann die Reaktion.

"Idioten" kann aber auch als alleinstehendes Wort an die Qualität eines Aphorismus heranreichen.
Das hat Robert Seethaler in seinem kleinen Roman "Das Feld" geschafft. Dort sagt Sophie Breyer, ehemals Inhaberin eines Tabak- und Zeitungsladens, beim Blick aus ihrem Grab auf ihr verflossenes Leben nur dieses eine Wort: "Idioten".

Cover "Das Feld"
Wenn Sophie Breyer ihren Rückblick aufs eigene Leben, wenn sie ihr Resümee auf dieses eine Wort beschränkt, was mag das dann für ein Leben gewesen sein? Was ist ihr widerfahren, wem ist sie begegnet, wer hat ihr wie übel mitgespielt? Oder konnte sie nicht anders, als sich über alles und jeden zu ärgern, ohne sich um sich selbst zu sorgen?

Es gibt wohl kein Leben ohne Ärger. Und es gibt viele Wege, mit Ärger umzugehen, vielleicht so viele, wie es Lebende gibt. Ein probater Weg zum Entärgern ist das Spaziergehen. Alleine oder mit Wegbegleiter, im städtischen Kiez oder im Wald – oder auf einem Friedhof. Den meisten Friedhöfen eignet die wunderbare Wirkung, dass sie kurz nach Passieren der Eingangspforte die eigene Stimmung ändern, als ob das Mitgebrachte abgestreift und an der Garderobe abgegeben wurde. Vielleicht liegt es daran, dass das Betreten des Gottesackers die – nicht zwingend unangenehme – Ahnung auslöst, eines Tages selbst hier dauerhaft zu ruhen. Vielleicht liegt es daran, dass Friedhöfe andere Anblicke bieten als ihre Umgebung, in der Stadt wie auf dem Land. Vielleicht liegt es an den Farben der Grabstellen, deren Gedenksteine und Bepflanzung gedämpftes oder sattes, aber niemals leuchtendes Braun, Grau, Schwarz, Weiß oder Grün aufweisen, durchbrochen nur von goldenen oder weißen oder schwarzen Inschriften. Vielleicht liegt es an eben jenen Inschriften, deren Namen und Geburtstage und Sterbetage wie die drei Punkte wirken, mit denen sich in der Geometrie ein Raum fixieren lässt. Das genügt der eigenen Phantasie als Ausgangspunkt, um unwillkürlich ein – wenn auch nur vages – Bild von den Lebensumständen der zur letzten Ruhe bestatteten Person aufscheinen zu lassen, die auf diese Weise wieder kurz zum Leben erwacht. Und wenn man am Grab verweilt und alles jenseits der Grabstelle entrückt, könnte es sein, dass man die Stimme des Verstorbenen hört, der die Gunst des Augenblicks nutzt und von sich gibt, was ihm auf der Seele liegt.

So ähnlich geht es zu in Seethalers Totenbuch, das eingangs einen Friedhofsbesucher und seine Eindrücke zeigt, um dann neunundzwanzig Stimmen aus den Gräbern des Feldes, eines Friedhofs am Rande einer Kleinstadt, zu Gehör zu bringen, die ganz unterschiedliche Rückblicke und Ansichten der Verstorbenen zeigen, verschieden in Umfang und Sichtweise. Die kürzeste und prägnanteste und zugleich offenste ist die von Sophie Breyer: Idioten.

Andere haben mehr zu sagen.
Der Friedhofsbesucher malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden.
Gerd Ingerland erlebte sein Begräbnis nicht als Abschied, sondern als Erledigung.
Der Gemüsehändler Navid al-Bakri hat herausgefunden, das man vieles über Menschen lernen kann, wenn man ihnen dabei zusieht, wie sie ihr Obst und Gemüse aussuchen. Er fühlte sich selten einsam, hatte keinen großen Wünsche und war klug genug, sich seine Träume nicht zu erfüllen.
Herm Leydicke lässt wissen, dass es bei den Toten keine Zeit gibt. Herm sagt auch, dass es vermutlich keinen Gott gibt. Aber das sei nur eine Idee.
Lennie Martin schildert anschaulich seinen ausweglosen Weg in die Spielsucht – das Trauma dieser Erfahrung der Hilflosigkeit hat er mit ins Grab genommen.
K.P. Lindow hatte zum Schluss auf seine alten Hände geblickt und bemerkt, dass sich die Sehnsucht nach den ersten Malen ganz unmerklich in die Hoffnung auf die letzten verwandelt.
Heiner Joseph Landmann, der Bürgermeister, hatte Krebs, bekam Morphium und erkannte im Namensgeber Morpheus den griechischen Gott der Träume, Sohn des Hypnos, Gestaltwandler, Bote zwischen den Welten und Gott des friedlichen Sterbens. Er erinnert sich an die vielen Hände, die er gedrückt, und an die wenigen, die ihn gehalten haben.
Susann Tessler bestreitet, dass der Tod nur ein Wort ist. Henriette war siebenundsechzig Tage lang ihre Freundin, die beste, die sie in ihrem Leben hatte, gestorben sechsundzwanzig Tage vor ihr. Susann sagt, die einzige Möglichkeit, im Alter nicht lächerlich zu werden, sei die eigene Lächerlichkeit anzuerkennen.
Annelie Lorbeer hätte aus reiner Neugier gerne das Sterben mitbekommen.


Foto Friedhof

Jede der Geschichten hat einen Bezug zu einer der anderen. Über ein paar Ecken kennt jeder Jeden, wie man es von einer Kleinstadt erwartet. Paulstadt ist aber nicht klein genug, um nicht von einem Freizeitzentrum mit Wettbüro umd Spielhalle beglückt zu werden – verblüffend, wie oft einem in der Literatur das Glücksspiel begegnet.

Ich stelle mir vor, dass Seethalers Buch eine Fundgrube für Trauerredner ist. Und für Trauernde.
Und ich stelle mir eine Übung vor: Welche Geschichte oder gar Lebensgeschichte würde meine Stimme aus dem Grab erzählen?

− ⦁ −